Forschen für den Klimaschutz

Über die Form des Protestes lässt sich streiten. Aber Greta Thunberg und „Fridays for future“ haben erreicht, was schon lange überfällig war: Mit Urgewalt ist Klimaschutz zum beherrschenden Thema geworden. Inzwischen hat wohl jeder begriffen, dass konsequent gehandelt werden muss um die CO2-Emissionen zu senken – nur vielen geht es nicht schnell genug. Unterdessen verstellen die Demos der Klimaaktivisten, aber auch das Gerangel um das Klimapaket der Bundesregierung den Blick auf die zahlreichen Projekte zum Klimaschutz, an denen seit Jahren gearbeitet wird. Auch in der MEO-Region beschäftigen sich Wissenschaft und Wirtschaft auf vielen Ebenen mit Lösungen zur Rettung des Planeten und des Klimaschutz. So arbeitet das Fraunhofer UMSICHT in Oberhausen daran, Hüttengase wie CO2 aus dem Thyssen-Krupp-Stahlwerk in Duisburg als Rohstoffquelle zu erschließen. Mit Hilfe von Carbon2Chem®, so der Projektname, könnten weltweit die Emissionen von Stahlwerken spürbar gesenkt werden. Beim Forschungsprojekt Bioshoreline geht es darum, biobasierte, biologisch abbaubare Vliese zu entwickeln, bei denen zum Beispiel Naturfasern wie Sisal oder Hanf und industriell geschaffene Fasern anstelle fossiler Rohstoffe eingesetzt werden. Am Max-Planck-Institut für Chemische Energiekonversion in Mülheim wiederum werden Lösungen erarbeitet, mit deren Hilfe Strom aus erneuerbaren Energien in flüssige Treibstoffe oder Chemieprodukte umgewandelt werden kann. In gemeinsamen Forschungsanstrengungen mit dem DAX-Konzern Covestro, der aus der Kunststoffsparte der Bayer AG hervorgegangen ist, konnten Wissenschaftler des MPI und der RWTH Aachen zeigen, wie ein Teil des Erdöls, aus dem Komponenten unter anderem für Schaum- und Klebstoffe gewonnen werden, durch CO2 ersetzt werden kann. Intelligente Mobilität hat sich die Hochschule Ruhr West zum Thema gesetzt, Elektromobilität spielt dabei naturgemäß eine wichtige Rolle. Urbanisierung und Megacities, Klimawandel und Wasserverfügbarkeit stehen dagegen beim Zentrum für Wasser- und Umweltforschung im Fokus, das an der Universität Duisburg-Essen angesiedelt ist. Das renommierte RWI in Essen dagegen bewertet die Maßnahmen zum Klimaschutz und spielt eine wichtige Rolle im politischen Diskurs.

CO2 als neuer Rohstoff für die chemische Industrie kann fossile Energieträger zum Teil ersetzen

Prof. Dr. Walter Leitner vom Mülheimer Max-Planck-Institut forscht an Technologien, die CO2 als neuen Rohstoff nutzen können.

Das Treibhausgas Kohlendioxid, also CO2, gilt als Klimakiller schlechthin. Umso wichtiger ist die Arbeit von Prof. Dr. Walter Leitner vom Mülheimer Max-Planck-Institut für Chemische Energiekonversion. Mit seinem Team forscht er an den Grundlagen für Technologien, um CO2 als einen neuen Rohstoff für die chemische Industrie zu nutzen, der anstelle von fossilen Energieträgern verwendet werden kann und damit den Ausstoß des Schadstoffes verringert. Im CAT Catalytic Center, einer gemeinsamen Forschungseinrichtung der RWTH Aachen, wo Leitner Professor für Technische Chemie ist, und der DAX-Firma Covestro, dem Chemieunternehmen aus Leverkusen, konnte er zur Entwicklung eines Katalysators beitragen, mit dessen Hilfe CO2 in Polyurethan-Kunststoffe eingebaut wird. Das katalytische Verfahren und die ersten Produkte, die damit erzeugt wurden, sorgen weltweit für Aufsehen – und haben auch die Jury für den mit 250.000 Euro dotierten Deutschen Zukunftspreis 2019 für Technik und Innovation beeindruckt, der vom Bundespräsidenten am 27. November in Berlin verliehen wird. Das Team, dem Leitner gemeinsam mit zwei Forschern von Covestro, Dr. Christoph Gürtler und Dr. Berit Stange, angehört, ist aktuell unter den letzten drei Nominierungen im Finale des Auswahlverfahrens. Wer letztendlich den wichtigsten deutschen Wissenschaftspreis gewinnt, wird erst während des Festakts zur Preisverleihung bekannt gegeben. „Schon die Nominierung bestätigt uns in unserem Ansatz, durch eine enge Kooperation von akademischer und industrieller Forschung zukunftsfähige Techniken und Produkte zu entwickeln, auch wenn wir dabei anfangs einigen Hindernissen gegenüberstehen“, sagt dazu Walter Leitner. Zurück auf den Mülheimer Kahlenberg, wo das Max-Planck-Institut für chemische Energiekonversion gerade einen eindrucksvollen Neubau errichtet, in dem mehrere hundert Wissenschaftler aus aller Welt an der Schnittstelle von Energie und Chemie arbeiten werden.

Nachhaltig gewonnene Energien helfen beim Klimaschutz

Nachhaltig gewonnene Energien zu speichern, sie transportabel zu machen und in Chemieprodukte oder Treibstoff umzuwandeln, das ist die Zielsetzung des Instituts, das „weltweit ein Hotspot für diese Form von Forschung ist“, so Leitner. Zu den Hindernissen, die Leitner und sein Team bewältigen müssen, gehört unter anderem die außergewöhnliche Trägheit des Gases CO2, das nicht ohne Grund in Feuerlöschern eingesetzt wird. Um eine Verbindung mit anderen Substanzen einzugehen, ist ein hoher Energieaufwand erforderlich – oder der richtige Katalysator, den Forscher am CAT Center und bei Covestro gemeinsam gefunden haben und mit dessen Hilfe das Unternehmen nun in einer Pilotanlage in Dormagen jährlich bis zu 5000 Tonnen Polyol herstellen kann. Aus Polyol werden Polyurethane produziert, die als Schaumstoffe für Matratzen, Klebstoffe in Sportböden, Weichschäume in Autositzen und Dämmmaterialen Verwendung finden. Allein für Weichschäume werden jährlich knapp vier Millionen Tonnen Polyole benötigt, das gesamte Potenzial für Polyurethane in unterschiedlichen Anwendungen ist noch größer. Im Klartext: Durch das CO2-basierte Produktionsverfahren lässt sich viel Erdöl sparen, die sogenannte „Defossilisierung“ kommt voran, die Ökobilanz ist nach umfangreichen Studien eindeutig positiv. „Die Grundlagenforschung schafft die Basis dafür, dass es möglich wird, CO2 als Rohstoff zu nutzen und damit den CO2 – Fußabdruck der chemischen Industrie zu reduzieren“, resümiert der Wissenschaftler stolz.

Aus Hüttengas wird Methanol. Und ein Vlies aus Naturfasern und biobasierten Kunstfasern sichert die Ufer der Schifffahrtsstraßen.

Die Fraunhofer Wissenschaftlerin Mona Duhme arbeitet an naturfaserverstärkten und biologisch abbaubaren Kunststoffen.

Bis weit in die 1960er Jahre qualmten hier die Schlote, bliesen die Hütten- und Stahlwerke Oberhausens, das sich stolz „Wiege der Ruhrindustrie“ nennt, Unmengen von Abgasen in die Luft. Heute wird Klimaschutz groß geschrieben: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Fraunhofer UMSICHT forschen mit Hochdruck daran, auf einem dieser Stahlstandorte, genauer gesagt auf dem Gelände des früheren E-Stahlwerks gegenüber des CentrO,  eben diese Schadstoffe.zu reduzieren und wirtschaftlich zu nutzen. Es geht darum, das klimaschädliche CO2 künftig als Rohstoffquelle für die chemische Industrie zu verwenden. Das schont fossile Rohstoffe und stärkt den Klimaschutz. Methanol kann so erzeugt werden: Die.wichtige Basis-Chemikalie für viele andere Chemieprodukte.eignet sich auch als synthetischer Treibstoff..Seit 2016 läuft das Projekt Carbon2Chem®, mit dessen Hilfe bei einer großtechnischen Umsetzung rund 20.Millionen Tonnen der jährlichen CO2 – Emissionen.der deutschen Stahlbranche wirtschaftlich genutzt.werden können. Neben Fraunhofer UMSICHT arbeiten.noch 16 weitere Partner aus Industrie und Forschung.an Carbon2Chem®, das vom Bundesministerium für.Bildung und Forschung mit 63 Millionen Euro gefördert wird. Die im projekteigenen Labor von Fraunhofer.UMSICHT entwickelten Ergebnisse bilden die wissenschaftliche Basis für die Arbeiten mit den realen Hüttengasen im Carbon2Chem-Technikum am Stahlstandort Duisburg. Schon heute ist das Interesse an der Technologie riesengroß, denn weltweit gibt es etwa 50 Stahlwerke, die dafür in Frage kommen. Aber auch auf andere CO2-intensive Bereiche kann Carbon2Chem® übertragen werden.

Wie tragen Kaffeebecher zum Klimaschutz bei?

Um Kunststoff, genauer gesagt um biobasierte Kunststoffe, geht es bei der Arbeit von Dr. Mona Duhme und ihrem Team. Forschungsobjekte sind naturfaserverstärkte Kunststoffe, aus denen beispielsweise Innenraumverkleidungen von Autos, Kaffeebecher oder Terrassendielen hergestellt werden. Aber auch biobasierte und biologisch abbaubare thermoplastische Kunststoffe stehen im Fokus. Wie können diese Produkte nutzbar bleiben? Ist ein zweiter oder dritter Lebenszyklus möglich – zum Beispiel nach der Einschmelzung in neuer Form? Wie steht es mit der Entsorgung, macht eine werkstoffliche Nutzung oder eine biologische Verstoffwechselung Sinn? Diese und andere Fragen stellen sich die Mitarbeiter von Fraunhofer UMSICHT mit Forscherkollegen von vier weiteren Fraunhofer Instituten im Fraunhofer Cluster of Excellence Circular Plastics Economy, so die offizielle Bezeichnung, abgekürzt CCPE. Dessen Ziel ist eine zirkuläre Kunststoffwirtschaft. Ein wichtiges Thema ist für Mona Duhme auch die gesellschaftliche Sichtweise, ohne die eine zirkuläre Kunststoffwirtschaft schwer etabliert werden kann. Sie gilt es zu verändern, will man die Kreislaufwirtschaft fördern: „Kunststoff wird aktuell selten als Wertstoff empfunden, sondern als Billigprodukt“, so die Gruppenleiterin für Verarbeitung und Anwendung von biobasierten Kunststoffen. Apropos Anwendung: Welche Vorteile der Einsatz von biobasierten, biologisch abbaubaren Kunststoffen hat, zeigt das Forschungsprojekt Bioshoreline, an dem Fraunhofer UMSICHT mit der Bundesanstalt für Wasser und Partnern aus der Industrie arbeitet. Dabei geht es darum, die von Wellenschlag, Sog und Überflutung strapazierten Ufer von Binnenwasserstraßen technisch-biologisch zu sichern. Dies geschieht mit Hilfe des Geotextilfilters, einer Art Vlies, das auf der Uferböschung angebracht wird. Im Anfangsstadium hält der Filter aus nachwachsenden Rohstoffen den Boden im Uferbereich zurück, bis die Pflanzenwurzeln ausreichend gewachsen sind und die Filterfunktion und Ufersicherung übernehmen können. Bereits während der Anwuchsphase baut sich der Geotextilfilter parallel dazu nach und nach vollständig ab und wird von Mikroorganismen verstoffwechselt. Bisher haben biobasierte Filtervliese den Nachteil, dass sie unter den gegebenen Belastungen nicht ausreichend stabil sind und sich zu schnell abbauen. Alternativen aus fossilem Kunststoff sind zwar stabil, bleiben aber dauerhaft im Boden. Im Rahmen von Bioshoreline entstand so eine Mischung aus schnell abbaubaren Naturfasern und biobasierten, langsam abbaubaren industriell hergestellten Fasern. Die Anforderungen der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie, die langfristig eine naturnahe Gestaltung der Ufer vorsehen, können da durch weiter erfüllt werden. „Auf der Teststrecke bei Worms am Rhein werden wir die Geotextilprototypen in realer Umgebung testen“, konstatiert Mona Duhme und zeigt uns bei dieser Gelegenheit auch speziell konstruierte Pflanzkästen auf dem Institutsgelände. Es sind kleine Modelle, mit denen die Neigung der Böschung, Bodenbeschaffenheit, Art der Bepflanzung und andere Rahmenbedingungen abgebildet werden. Sozusagen ein Testfeld für die Weiterentwicklung des Geotextilfilters. Vor 50 Jahren, als noch graue Schwaden den Himmel über der Ruhr trübten und Klimaschutz noch eine untergeordnete Rolle spielte, hat bestimmt niemand daran gedacht, dass am gleichen Ort einmal für den Klimaschutz geforscht werden würde.

Forschungsschwerpunkt Wasserwirtschaft: Institut an der Uni Duisburg-Essen vernetzt Experten aus vielen Bereichen

An der Uni Duisburg-Essen widmet sich Dr. Michael Eisinger der Frage, wie der
Umgang mit Wasser und Abwasser nachhaltig gestaltet werden kann.

Es gehört zu den „hidden champions“ des Ruhrgebiets, also zu den Einrichtungen, deren Arbeit von Fachleuten und Kunden geschätzt, aber von der Öffentlichkeit nur am Rande wahrgenommen wird. Seit 2003 arbeitet das Zentrum für Wasser- und Umweltforschung (ZWU) an der Universität Duisburg-Essen (UDE) am Standort Essen. Innovative und disziplinenübergreifende Wasserforschung sowie aktuelle Herausforderungen der Wasserwirtschaft bilden die Forschungsschwerpunkte des ZWU, in dem Experten aus vielen Bereichen vernetzt sind. „Wir sind immer noch ein virtuelles Zentrum, das die Forschung, die in den einzelnen Bereichen stattfindet, initiiert und koordiniert“, sagt ZWU-Geschäftsführer Dr. Michael Eisinger: „Vielleicht sind wir deshalb national bekannter als in der Region selbst.“ Der Bekanntheitsgrad dürfte sich spätestens dann erhöhen, wenn der FutureWaterCampus (FWC) auf dem Thurmfeld nahe des Essener Campus‘ eröffnet wird. Zunächst ist eine Versuchshalle vorgesehen, im nächsten Schritt soll eine „Denkfabrik“ mit Büro- und Seminarräumen entstehen. Fragen wie „Wie kann der Umgang mit Wasser und Abwasser nachhaltig gestaltet werden?“ stehen dabei auf der Agenda des FWC ganz oben. Eine effizientere Wassernutzung und sauberes Wasser für alle gelten dabei als Zukunftsziel. Schon heute bündelt das ZWU die Wasserkompetenz von Fakultäten der Biologie, Chemie, Ingenieur- und Gesellschaftswissenschaften sowie Medizin der UDE. 33 Arbeitsgruppen haben sich hier zusammengefunden. Auch die Partneruniversitäten der Universitätsallianz Ruhr und mehrere Fachhochschulen sind einbezogen. Ebenso gehören Wasserforschungsinstitute, aber auch die Praktiker der regionalen Wasserverbände wie Emschergenossenschaft und Lippeverband sowie Ruhrverband dazu. Natürlich sind auch die Wasserversorger und die Fachbehörden des Landes mit im Boot. Auf diese Weise kann das ZWU auf das geballte Fachwissen von etwa 180 Mitgliedern zurückgreifen. „Wir reden intensiv miteinander und wissen deshalb, wie die anderen ticken “, stellt Michael Eisinger fest, der das ZWU seit 2008 leitet. Heute gehört es zu den größten Einrichtungen dieser Art in NRW. Neben der Ausbildung zukünftiger Wasserforscherinnen und -forscher widmet sich das ZWU noch vielen anderen Fragestellungen.

Klimaschutz: Mit Hochwasserschutz dem Klimawandel begegnen

Da geht es um Hochwasserschutz und den Umgang mit Regenwasser, auch mit Blick auf die zunehmenden „Starkregenereignisse“ und den Klimawandel. Wie kommen Schadstoffe und Mikroplastik in unser Wasser? Und wie kriegt man sie wieder heraus? Oder: „Wie sorgt man für mehr Grün und mehr Wasser in den Städten, damit diese sich nicht so stark aufheizen? Grundlagenforschung nimmt breiten Raum im ZWU ein. Das Ökosystem wird unter die Lupe genommen – und warum es nicht immer wie erwartet funktioniert bzw. auf Verbesserungsmaßnahmen reagiert. An diesem Punkt betont der promovierte Biologe Eisinger, welche Chancen der Emscher-Umbau den Wissenschaftlern bietet: „Das ist ein einmaliges Experimentierfeld für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler“. Was kaum jemand vermutet: die UDE wird bald eine der weltweit größten Algensammlungen beherbergen. Algen sind ein nachwachsender Rohstoff der Zukunft, sie lassen sich als Biomasse, Schadstofffilter oder auch Nahrungsmittelergänzung einsetzen. Auch die Membranforschung steht im Essener Fokus, wichtig unter anderem für Wasseraufbereitung und
Meerwasser-Entsalzung.

Intelligente Mobilität dient dem Klimaschutz

Das Forschungsgebiet von Prof. Dr.-Ing. Uwe Handmann (li.) und Prof. Dr.-Ing. Anselm Haselhoff von der Mülheimer HRW ist die „Intelligente Mobilität“.

„Intelligente Mobilität“ mit den Themenfeldern „Intelligente Systeme, Elektromobilität und Mobilitätskonzepte“ heißt ein seit Januar 2018 an der Hochschule Ruhr West (HRW) bestehender Forschungsschwerpunkt. Im Zuge der aktuellen Debatte um Klimaschutz und wegen des zögerlichen Umstiegs der Deutschen auf E-Autos weckt die in Mülheim an der Ruhr und Bottrop angesiedelte HRW damit natürlich hohe Erwartungen. Bei Prof. Dr.-Ing. Uwe Handmann, dem Dekan des Fachbereichs I, und Prof. Dr.-Ing. Anselm Haselhoff laufen die Fäden zusammen. Aktuell wird in Zusammenarbeit mit der Bergischen Universität Wuppertal Projektkoordination: Prof. Dr.-Ing. Kummert) und der Bergischen Struktur- und Wirtschaftsförderung das „Kompetenzzentrum autonomes Fahren“ aufgebaut. Das Zentrum wird als Anlaufstelle für Mobilitätsakteure aller Ebenen dienen, zum Beispiel für Kommunen, Verkehrsbetriebe, Politik und Wirtschaft. Schon heute werden die vom Schwester-Unternehmen Waymo entwickelten fahrerlosen Google-Autos unter anderem in Los Angeles getestet. Aber auch die deutschen Hersteller rollen beim Thema „autonomes Fahren“ nicht mehr nur hinterher. Ein Concept-Car hat fast jeder.

Mit Stop-and-go zum Klimaschutz

Die Stop-and-go-Funktion gibt es schon seit 2017, dem Autobahn-Piloten von Audi fehlt nur noch die Typ-Zulassung. Das fahrerlose Auto, das uns per Funksignal abholt, sicher ans Ziel bringt und dann selbstständig einen Parkplatz sucht, wird wegen der offenen Sicherheitsfragen vorerst noch nicht zum Straßenbild gehören. Ein Thema, das natürlich auch die HRW-Wissenschaftler interessiert. In der Halle des Campus in Bottrop steht ein elektrisch angetriebener Tesla, der mit sieben Kameras ausgestattet ist, die nach vorn und seitlich alles im Blick haben. Die zahlreichen Sensoren versenden eine Unmenge von Daten über das Erfasste, das Tesla-Update läuft dabei permanent. Der Schwerpunkt, so Haselhoff, liegt dabei naturgemäß auf der Wahrnehmung des Umfeldes: „Wir können die Fahrzeuge sehen lassen“, konstatiert er, während Handmann den Test-Tesla scherzhaft als „einen fahrenden Computer mit angeschlossenem Elektromotor“ bezeichnet. Und sofort klarstellt, dass bei den Testfahrten natürlich immer jemand auf dem Fahrersitz ist – mit beiden Händen am Steuer. „Es geht darum, anzuerkennen, dass es ein individuelles Mobilitätsbedürfnis gibt“, beschreibt Uwe Handmann den Leitsatz der „Intelligenten Mobilität“. Das klingt wie eine Selbstverständlichkeit, jemand will von A nach B. Doch die Art und Weise der Fortbewegung hat sich bereits gravierend geändert. Das Unternehmen Uber hat gegen alle Widerstände die Taxi-Welt revolutioniert, in einigen deutschen Großstädten verkehren E-getriebene Sammeltaxis, die man per App rufen kann. Schon jetzt hat „Moia“ in Hamburg 500 E-Crafter von VW auf der Straße. Diese On-Demand (auf Wunsch)-Dienste wären auch eine Lösung für das Ruhrgebiet, wo in manch späten Bussen nur der Fahrer sitzt. Gleiches gilt neben dem Carsharing sicherlich auch für das Ridesharing, bei dem es der Fahrgast in Kauf nehmen muss, wenn der Fahrer einen Umweg fährt, um einen weiteren Passagier aufzunehmen. Optimierungschancen sehen die HRW-Wissenschaftler in vielen Bereichen. Zumal das eigene Auto als Statussymbol gerade bei Jüngeren immer mehr an Bedeutung verliere, so Prof. Handmann. Wichtig für den Klimaschutz sei deshalb ein leistungsfähiger Öffentlicher Personennahverkehr. Auch ist es gut möglich, dass man bald per App nicht nur E-Roller, sondern auch in der Nähe geparkte E-Autos eines Unternehmens mieten und am Ziel stehen lassen kann. Was bedeutet das für den Klimaschutz? Straßen werden so durch die geringere Zahl an Fahrzeugen entlastet, Emissionen reduziert. Intelligentere Lösungen sind auch bei Verkehrslenkung, Ampelschaltung und der Infrastruktur der Ladeeinrichtungen möglich. Es gibt also noch viel zu tun für die Experten von der Hochschule Ruhr West, die ein brandaktuelles Thema besetzt haben. Kein Wunder, dass Automobilhersteller und Zulieferern an den Ergebnissen sehr interessiert sind.

RWI-Wissenschaftler plädiert für moderaten Einstieg in die CO2-Bepreisung

Prof. Dr. Manuel Frondel vom Essener RWI wünscht sich eine langfristige Strategie, die die Akzeptanz der Bürger für eine CO2-Steuer stärkt.

Kaum ein Thema erregte in den letzten Monaten die Gemüter so sehr wie das Klimapaket. Am 20. September hatte die Bundesregierung bis in die frühen Morgenstunden getagt und anschließend den Maßnahmenkatalog präsentiert, mit dem die von der EU-gesetzten Klimaziele erreicht werden sollen. Umweltverbände, Wissenschaft, Opposition und „Fridays for Future“-Bewegung reagierten prompt und kritisierten das sogenannte Klimapaket als mutlos und nicht ausreichend. Tenor: Gewogen und zu leicht befunden. So könne Deutschland die CO2-Ziele nicht erreichen. Vor allem der CO2-Einstiegspreis von nur zehn Euro pro Tonne zeige keine Wirkung. Viele Experten halten dagegen 30 bis 40 Euro pro Tonne für angebracht. Im Gegensatz dazu fällt beim renommierten Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen die politische und wirtschaftliche Bewertung deutlich positiver aus. „Das Klimapaket geht in die richtige Richtung“, konstatiert Prof. Dr. Manuel Frondel, Leiter des Bereichs Umwelt und Ressourcen beim RWI und außerplanmäßiger Professor an der Uni Bochum. Da mit einer welt- oder zumindest EU-weit einheitlichen CO2-Bepreisung wegen der erforderlichen Zustimmung aller Mitgliedsstaaten vorerst nicht zu rechnen sei, könne eine nationale Bepreisung eine mögliche Lösung sein. Hier böten sich zwei Möglichkeiten: Zum einen wäre dies ein nationales Handelssystem für Emissionszertifikate, das auch die bislang ausgesparten Sektoren Gebäude, Verkehr und Landwirtschaft miteinschließt. Oder, als Alternative, eine CO2-Steuer, bei der Frondel aber gravierende Nachteile sieht. Mit ihr könnten die Emissionsziele nicht treffsicher erreicht werden. Kritisch sei das Klimapaket in anderer Hinsicht: Ohne eine substantielle Rückverteilung der Einnahmen aus der CO2-Bepreisung würde sie vermutlich als sozial ungerecht empfunden werden. Eine Protestwelle, zum Beispiel wie die der Gelbwesten in Frankreich, sei daher nicht auszuschließen. „Davor hat die Politik Angst“, so der Wissenschaftler. Und: „Ohne dass die Bürger mitmachen, geht es nicht. Erst einmal muss die Akzeptanz erreicht werden“. Kurzfristige, einschneidende Maßnahmen brächten keinen Erfolg. Wichtiger sei eine langfristige Strategie, bei der „die Bürger es nicht gleich deutlich in der Tasche merken, aber dafür ein Bewusstsein für künftig steigende Kosten entwickeln“, glaubt Manuel Frondel. Die Wirkung zeige sich dann bei späteren Entscheidungen, zum Beispiel beim Kauf eines neuen Autos oder dem Einbau einer anderen Heizung.: „Das ist ein sehr vernünftiger Weg. In anderen Ländern wurde ähnlich moderat angefangen.“

Nachhaltige Unternehmensverantwortung

„Wenn jeder Mensch auf der Erde so leben würde wie wir in Deutschland, würden wir drei Planeten benötigen. Vor dem Hintergrund des Klimawandels und der Ressourcenknappheit rücken Corporate Responsibility-
Konzepte mehr und mehr in den Vordergrund“ – mit diesem Statement betont Prof. Dr. Linda O’Riordan die Verantwortung der Wirtschaft für die Gesellschaft. Zu lesen ist es auf einer Internet-Seite der FOM Hochschule in Essen, an der die Wissenschaftlerin das KCC KompetenzCentrum für Corporate Social Responsibility leitet. Mit nachhaltigen Lösungsansätzen könnten Unternehmen eine sehr wichtige Rolle als Katalysatoren der Gesellschaft in Bezug auf Verantwortung für Gerechtigkeit, Fortschritt und Wohlbefinden spielen, konstatiert O’Riordan. Die Wahrnehmung, dass man bei Entscheidungen zwischen wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Verantwortung entweder für das eine oder gegen das andere sein müsse, sei falsch und stelle ein großes Hindernis dar, wenn es um Lösungsansätze in Sachen Nachhaltigkeit gehe. O’Riordan: „In der Praxis ist die ,Wahrheit‘ selten schwarz oder weiß“. Um komplexe Probleme zu lösen, seien weder Egoismus noch Altruismus erforderlich, sondern Strategien, die eine harmonische Mischung aus beiden entgegengesetzten Werten böten. Entscheidungsträger in Unternehmen sollten verstehen, dass sie ihre Verantwortung, Gewinne zu erzielen, am zuverlässigsten erfüllen, „wenn sie sich zuerst für gute Beziehungen mit ihren anderen Interessengruppen, wie zum Beispiel Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten und der Community, einsetzen.“ Einen Teil der Verantwortung sieht Linda O’Riordan aber auch bei den Konsumenten: „Wir können durch unser Konsumverhalten Veränderungen erzielen. Wir müssen uns bewusst machen: Wenn wir uns entscheiden, etwas zu kaufen, stimmen wir für das Unternehmen und dessen Strategie!“  Rolf Kiesendahl

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