Ausmaß der Krise ist gewaltig – nicht nur international

Die Corona-Krise hat das Wirtschaftsleben international auf den Kopf gestellt und belastet die stark internationalisierte deutsche Wirtschaft in einem so bisher nie dagewesenen Ausmaß: Viele Zulieferer im In- und Ausland mussten schließen oder arbeiteten mit verringerten Kapazitäten, Passagierflüge – die häufig auch Luftfracht transportieren – wurden storniert, es fehlte an Containern, Grenzen wurden geschlossen mit der Folge langer LKW-Staus und zusätzliche Bürokratie führte zu gestörten Lieferketten. Dies sind nur einige wenige Beispiele, wie sehr die Corona-Krise den Welthandel eingeschränkt und nahezu alle Exportmärkte unter Druck gesetzt hat.

Laut Schätzungen der Welthandelsorganisation WTO wird der Welthandel in diesem Jahr um 13 bis 32 Prozent einbrechen – dies wäre der stärkste Rückgang seit der Weltwirtschaftskrise vor rund 90 Jahren.

Ein Blick in unsere Region vor Corona

Die wirtschaftliche Entwicklung in NRW hatte sich – trotz schwieriger Rahmenbedingungen – zu Jahresbeginn 2020 stabilisiert; die Konjunktur konnte gerade wieder einen Aufwärtstrend verzeichnen. Die Ausbreitung des Corona-Virus traf die NRW-Wirtschaft zu Beginn einer Erholung und damit in einer sensiblen Phase: Sie schloss das Jahr 2019 mit einem Exportvolumen von 193,7 Milliarden Euro (-1,2 Prozentpunkte im Vergleich zum Vorjahr); der Importwert lag mit einem Plus von 1,6 Prozentpunkten bei 245,5 Milliarden Euro.

MEO-Region zeigt sich standfest

Auch die international agierenden Unternehmen in der MEO-Region zeigten sich standfest. So lag der Auslandsumsatz 2019 mit rund 4,0 Milliarden Euro nur leicht unter dem Vorjahreswert. Ein beachtliches Ergebnis angesichts der zahlreichen ungelösten Problemstellungen – u. a. der Handelskonflikt zwischen den USA und China, der Brexit sowie der fortschreitende weltweite Aufbau von Handelsschranken. Wie viel für die NRW-Wirtschaft insgesamt auf dem Spiel steht, lesen Sie im „Report Außenwirtschaft NRW 2019/2020“ der 16 IHKs in NRW, abrufbar unter www.essen.ihk24.de/Dok.-Nr. 4839468. Wichtigste Exportländer für NRW: Von überragender Bedeutung wird für die NRW-Wirtschaft 2020 die Erholung in den EU-Ländern sein. Denn: Acht der zehn wichtigsten Handelspartner NRWs waren 2019 erneut Mitglieder der Europäischen Union. Die Volksrepublik China und die Vereinigten Staaten komplettieren die zehn wichtigsten Zielmärkte (siehe Grafik). Dieses Ergebnis unterstreicht einmal mehr die Wichtigkeit eines uneingeschränkt funktionierenden Binnenmarktes in der EU.

Nach Lockdown keine schnelle Erholung in Sicht

Trotz der Lockerungen von Corona-Beschränkungen nach dem Lockdown und der von der Politik angekündigten weiteren Unterstützungsmaßnahmen ist für die deutschen Unternehmen keine schnelle Erholung in Sicht. Das zeigt die aktuelle Ende Juni 2020 durchgeführte Konjunktur-Blitzumfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). Daran nahmen bundesweit 8.500 Unternehmen aller Branchen und Regionen teil – darunter allein 1.500 Betriebe aus NRW. NRW-weit erwarten 40 Prozent der Befragten, dass die Rückkehr zur „Normalität“ erst im nächsten Jahr gelingen kann. Nur 18 Prozent rechnen mit einer Normalisierung schon in diesem Jahr. Mit anderen Worten: Der Weg zurück für die Wirtschaft wird
lang und hart.

Fast jedes zweite NRW-Unternehmen (47 Prozent) bewertet seine Geschäftslage als schlecht, nur 14 Prozent melden „gute“ Geschäfte. Deutlich wird die Tiefe des wirtschaftlichen Einbruchs auch beim Blick auf die Umsatzentwicklung: Über 40 Prozent der Befragten rechnen für das Jahr 2020 mit einem Umsatzrückgang von mehr als 25 Prozent, fast jedes fünfte Unternehmen fürchtet sogar einen Umsatzrückgang von über 50 Prozent. Hinzu kommt, dass noch immer viele Branchen unter starken Einschränkungen leiden.

Unternehmen müssen wieder eigenen Umsatz erwirtschaften

So bedeutend Überbrückungshilfen und Konjunkturpakete auch sind: Nichts ist für Unternehmen so wichtig wie die Chance, selbst wieder am Markt Umsatz machen zu können.

EU-Binnenmarkt muss wieder anspringen: Wegen der Corona-Einschränkungen im Welthandel rechnet der DIHK in diesem Jahr mit einem Rückgang der deutschen Exporte von 15 Prozent. Jeder zweite Arbeitsplatz in Deutschland hängt am Export; deshalb kann das nationale Konjunkturpaket nur einen Teil der Krise lösen. Wichtig ist, dass sich Europa schnellstmöglich auf
ein wirksames Re-Start-Paket verständigt, damit der Binnenmarkt anspringt. „Insgesamt sind offene Grenzen und ein freier Waren- und Personenverkehr unverzichtbar, damit es für unsere Wirtschaft wiederbergauf geht“, erklärt Andreas Wasmuth, Geschäftsführer der AVIT-Hochdruck Rohrtechnik GmbH, Essen, in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des IHK-Außenhandelsausschusses. Deshalb ist es auch aus wirtschaftlicher Hinsicht so wichtig, dass das Corona-Virus weltweit überwunden wird. Dies zeichnet sich aktuell allerdings nicht ab.

Internationaler ernüchternder Blick

Die Ausmaße der Corona-Krise für die deutschen Unternehmen mit Auslandsgeschäft sind vielmehr enorm. Dies ist ein zentrales Ergebnis der Anfang Juli vom DIHK veröffentlichten Sonderumfrage „AHK World Business Outlook“ zur aktuellen Corona-Situation. Insgesamt beteiligten sich rund 3.300 deutsche Unternehmen mit Niederlassungen oder Tochtergesellschaften im Ausland.

Zum gewaltigen Ausmaß: 83 Prozent der Unternehmen erwarten demnach Umsatzeinbrüche, 15 Prozent sogar mindestens eine Halbierung ihres Umsatzes. Lediglich für 8 Prozent ändert sich nichts; nur 5 Prozent rechnen mit Zuwächsen. Dabei gibt es zwischen den Weltregionen kaum Unterschiede – die Betroffenheit ist gleichermaßen hoch.

Von den Reiseeinschränkungen sehen sich derzeit 63 Prozent der deutschen Unternehmen im Ausland betroffen – etwas weniger als in der Vorgängerumfrage von April (69 Prozent). Im Tourismus leiden naturgemäß überproportional viele Anbieter (91 Prozent) unter den Reiseeinschränkungen, aber auch in der Industrie liegt die Quote der betroffenen Unternehmen mit 67 Prozent über dem Schnitt. Gleichzeitig wächst die Sorge um die Nachfrage: Hatten im April noch 57 Prozent rückläufiges Interesse an Produkten und Dienstleistungen beklagt, sind es im Juli 59 Prozent.

Unternehmen werden noch lange Zeit zu kämpfen haben

Insgesamt macht die DIHK-Sonderumfrage deutlich, dass die Krise die Unternehmen weltweit noch lange Zeit belasten wird: Mit einer konjunkturellen Erholung rechnen 93 Prozent der befragten Unternehmen erst im Jahr 2021 oder darüber hinaus – lediglich sieben Prozent erwarten eine Erholung noch in diesem Jahr.

Momentan besonders gebeutelt sind die süd- und mittelamerikanischen Länder. Dort rechnen 55 Prozent der deutschen Unternehmen erst ab 2022 oder sogar später mit einer Erholung der Wirtschaftslage. Schaut man nach China – wo die Konjunktur vergleichsweise optimistisch beurteilt wird – geht auch hier immerhin ein Viertel der deutschen Unternehmen davon aus, dass die Geschäfte erst nach 2021 wieder auf ein normales Niveau zurückkehren werden.

Mit solch einer anhaltenden Betroffenheit der Weltwirtschaft wird auch die Nachfrage nach deutschen Produkten und Dienstleistungen längerfristig leiden. Dennoch wird die internationale
Arbeitsteilung nicht in Frage gestellt, aber auf den Prüfstand.

Deutliche Kursänderungen bei internationalen Geschäften

Die DIHK-Sonderumfrage macht zudem deutlich, wie stark die Krise die internationalen Geschäfte verändert.

Investitionen gehen zurück:

Die Investitionsbereitschaft ist deutlich abgesackt. 56 Prozent der deutschen Unternehmen (Vorumfrage im April: 35 Prozent) beabsichtigen in der kommenden Zeit an ihren internationalen Standorten weniger zu investieren. Betroffen ist besonders Lateinamerika: In Mexiko streichen 76 Prozent, in Brasilien 74 Prozent ihre Investitionspläne zusammen. Lediglich bei zehn Prozent der deutschen Unternehmen zeigen die Investitionsabsichten nach oben – zum Beispiel im Gastgewerbe, um Hygieneschutzmaßnahmen oder notwendige  Geschäftsumstellungen vorzunehmen.

Die geringen Investitionen werden sich langfristig auf die Geschäftsentwicklung der Unternehmen auswirken und die konjunkturelle Erholung verlangsamen. Bereits vor der Krise war die Investitionsdynamik der Unternehmen gering. Neben der Unsicherheit, wo und in was investiert werden soll, kommen nun auch Finanzierungsschwierigkeiten hinzu.  Um aber nachhaltig und gestärkt aus der Krise herauszukommen, wären oftmals mehr Investitionen unausweichlich.

Beschäftigung sinkt:

Insgesamt führen die mit der Corona-Krise verbundenen Produktionsausfälle und Geschäftsschließungen weltweit nochmals zu einem deutlichen Rückgang der Beschäftigung. Inzwischen beabsichtigen 43 Prozent der deutschen  Unternehmen im Ausland einen Personalabbau, im April waren es noch 35 Prozent. In Süd- und Mittelamerika sind es sogar mehr als die Hälfte der Betriebe. Lediglich sieben Prozent wollen mehr Mitarbeiter einstellen.

Staatliche Unterstützungsmaßnahmen zur Abfederung der wirtschaftlichen Auswirkungen – insbesondere Kurzarbeitergeld – fehlen in vielen Ländern und führen dort aller Voraussicht nach zu einer höheren Arbeitslosigkeit. Neue Lieferanten gesucht: Da Produktionsausfälle und Lieferschwierigkeiten in fast allen Weltregionen zu verzeichnen sind oder waren, suchen 38 Prozent der deutschen Unternehmen im Ausland vermehrt nach neuen Lieferanten.

Bei 63 Prozent von diesen konzentriert sich die Suche vor allem auf lokale Zulieferer im jeweiligen Land. 31 beziehungsweise 37 Prozent halten allerdings auch in Deutschland und in der Europäischen Union nach geeigneten Lieferanten für ihr Geschäft Ausschau. Es sind vor allem kleinere Unternehmen, die sich vermehrt in Richtung Europa orientieren. Insgesamt dürften Unternehmen verstärkt auf Ausfallrisiken schauen, um auch in Krisenzeiten beziehungsweise im Fall einer Pandemie ihre notwendigen Vorprodukte und Waren zu erhalten.

Jeder zweite Betrieb auf der Suche nach Lieferanten

Im Branchenvergleich sind vor allem Unternehmen im Einzelhandel und Baugewerbe auf der Suche nach neuen Lieferanten – rund jeder zweite Betrieb. Auch in der Industrie ist der Bedarf entsprechend groß: 40 Prozent aller Industrieunternehmen planen Änderungen in der Lieferkette. Standortverlagerungen ein Thema: Für 22 Prozent der Unternehmen kommt aufgrund der aktuellen Krise auch eine Verlagerung von Standorten oder der Produktion in Betracht. Mehr als ein Drittel der Unternehmen im Einzelhandel erwägt Standortänderungen, in der Industrie sind es 21 Prozent.

Standortverlagerungen ein Thema: Für 22 Prozent der Unternehmen kommt aufgrund der aktuellen Krise auch eine Verlagerung von Standorten oder der Produktion in Betracht. Mehr als ein Drittel der Unternehmen im Einzelhandel erwägt Standortänderungen, in der Industrie sind es 21 Prozent.

Die Verlagerung geschieht in erster Linie innerhalb des jeweiligen Landes. An zweiter und dritter Stelle nennen die Unternehmen bei einem Standortwechsel – also einer Rückverlagerung von zuvor bereits ausgelagerten Aktivitäten – die Europäische Union (21 Prozent) sowie Deutschland (19 Prozent). Es folgen Asien und Süd- und Mittelamerika. Auch hier ist die Verfügbarkeit von Waren in Krisenfällen ein Grund für solche Überlegungen.

Alle Ergebnisse der Sonderumfrage „AHK World Business Outbreak“ sind online abrufbar auf der Internetseite des DIHK: www.dihk.de im Bereich „Internationales“.

Internationaler Handel gerade zur Krisenbewältigung nötig

Natürlich kann zum jetzigen Zeitpunkt niemand eine Prognose abgeben, wie sich die Weltwirtschaft in der 2. Jahreshälfte entwickeln wird. Eines ist jedoch sicher: Auch wenn der Ruf nach einer größeren regionalen Ausrichtung bei Produkten (Buy Local) durch die Corona-Krise immer lauter wird, darf die Globalisierung nicht abnehmen, sondern muss vielmehr krisenfest werden.

Durchaus notwendig sind bei zukünftigen krisenbedingten Engpässen nationale Maßnahmen für ausreichende Reserven an bspw. medizinischen Produkten, Schutzausrüstungen oder bestimmten Lebensmitteln – dies ist Aufgabe des Staates und darf nicht zur Angelegenheit der Wirtschaft gemacht werden. Für ein dynamisches Wiederanlaufen des Welthandels ist – neben dem uneingeschränkt funktionierenden Binnenmarkt in der EU – der international regelbasierte Warenhandel wichtig. Lieferketten müssen jetzt dringend reibungslos funktionieren, damit international ausgerichtete Unternehmen diese Krise überstehen. Gerade aufgrund der Erfahrungen der letzten Monate werden sich zahlreiche Unternehmen noch stärker international ausrichten, um bei zukünftigen Krisen flexibler handeln zu können.

Wir haben drei international tätige Unternehmen aus der MEO-Region befragt, wie sie u. a. die Krise bisher erlebt haben, vor welchen Herausforderungen sie standen und ob sich letztendlich vielleicht auch positive Erkenntnisse aus der Krise herausstellen.

Breites IHK-Leistungsspektrum für die regionale Wirtschaft

Seit Ausbruch der Corona-Krise waren die Mitarbeitenden der Fachabteilungen für die Außenwirtschaft NRW-weit als Ansprechpartner und Berater für die international tätigen Unternehmen besonders stark gefragt. Dabei hat sich vor allem auch das Länderschwerpunktsystem der NRW-IHKs unter Beweis gestellt, um den Mitgliedsfirmen eine umfassende Expertise und  Hilfestellungen zu der Corona-bedingten Situation in den jeweiligen Auslandsmärkten bieten zu können. Die IHK zu Essen ist bereits seit vielen Jahren international NRW-Schwerpunktkammer für die lateinamerikanischen Länder im Mercosur-Raum. Von besonderer Bedeutung ist hier auch das Zusammenspiel mit dem weltweiten Netzwerk der Deutschen Auslandshandelskammern (AHKs).

Aus über 90 Ländern informieren Mitarbeitende der AHK-Büros aktuell über die Auswirkungen des Corona-Virus im jeweiligen Land. Auf der Internetseite der AHKs sind außerdem Angebote wie Webinare, Infoseiten und Dienstleistungen, die bei den Kollegen vor Ort im Rahmen der Corona-Maßnahmen angefragt werden können, zusammengefasst.